Datum: 
11.05.2018

Beantwortet von Ustadh Abdullah A. Misra 

Frage: As-Salamu alaikum wa Rahmatullahi wa Barakatuh. Ich wollte in Erfahrung bringen, ob die Haare des Propheten (Allahs Friede und Segen seien mit ihm) bis zum heutigen Tage aufbewahrt worden sind. Falls dem so ist, können Menschen dadurch Segen erhalten und gibt es irgendwelche Wunder, die damit zusammenhängen? 

Antwort: Im Namen Allahs, des Allerbarmers und Barmherzigen. 

Wa alaikum as-Salam wa Rahmatullahi wa Barakatuh. 

Vielen Dank für diese wichtige Frage. Ja, einige der prophetischen Haare wurden bis zum heutigen Tage aufbewahrt. Aufgrund ihrer durch Allah gewährten Segnung, pflegte man seit der Zeit der Prophetengefährten jahrhundertelang diese Haare als Mittel für physische oder spirituelle Heilung, für Segen und für diesseits- und jenseitsbezogenen Erfolg zu verwenden. Tatsächlich waren sie verantwortlich für manch wundersame Ereignisse. Gewiss liebte und gewährte man den prophetischen Haaren Hochachtung und zwar schon zur Zeit des Propheten (Allahs Segen und Frieden seien ihm gewährt) selbst. 

Ja, man kann – und sollte – den Segen durch diese Haare ersuchen sowie durch andere prophetische Relikte, wenn Allah einem die Chance dazu gewährt. Diese Gelegenheit nicht beim Schopfe zu packen, ist etwas, was kein Gefährte oder Nachfolger (Tabiʿi) je getan hätte, wie im Folgenden noch angesprochen werden soll. Muslime wissen, dass es Allah allein ist, der Segen in diesen Haaren in Erscheinung treten lässt und dass Er wollte, dass sie ein Mittel der Gunst für Seine Diener sind. 

Die Segnung der prophetischen Relikte  

Scheinbar geht es nur um ein paar wenige 1400 Jahre alte Haare, doch ob wir ihre Wichtigkeit verstehen oder nicht, zeigt auf, wie wir den meist geliebten von Allahs Schöpfung beachten und respektieren. Deshalb ist uns diese Angelegenheit gerade im Lichte unseres Glaubens wichtig. 

Es gibt keinen Zweifel daran, dass der Prophet (Friede und Segen seien mit ihm) in Person und Persönlichkeit das meistgesegnete Geschöpf auf Erden war und das seine physischen Bestandteile wie Haare [oder sein wohlriechender Schweiß] durch göttliche Gewährung immensen Segen mit sich brachten. Die Hadithe, die den Eifer seiner Gefährten in der Erlangung dieser Segnungen zeigen, sind zahlreich.  

Jeder Aspekt dieses prophetischen Segens der Gnade Allahs – dem Hocherhabenen – für die Schöpfung zu verdanken, denn Er spricht in Seinem ewigen Wort: „Und Wir haben dich nur als Barmherzigkeit für die Weltenbewohner gesandt“ (Koran, 21:107). Diese Gunst durchtränkt jeden Aspekt des Propheten, auf dem der Friede und Segen Allahs seien, von seinen Worten und Gebeten bis hin zu seinen persönlichen Besitztümern sowie physischen Relikten. 

Der prophetische Befehl zur Sammlung und Verteilung der gesegneten Haare 

Gemäß den authentischsten Quellen von Überlieferungen, eilten und wetteiferten die Gefährten, um die abgeschnittenen Haare vom Kopf des Gesandten Allahs zu erlangen; möge Allah ihm Segen und Frieden schenken. 

Anas ibn Malik – Möge Allah mit ihm zufrieden sein – überliefert: „Ich sah den Gesandten Allahs –Allahs Frieden und Segen seien mit ihm – als der Friseur seinen Kopf [nach der Abschiedshadsch] rasierte und seine Gefährten umrundeten ihn, um sicherzustellen, dass kein einziges Haar fallen würde, außer in die Hände einer von ihnen.“ [Sahih Muslim] 

Andere Versionen in Sahih Muslim zeigen auf, dass der Prophet selbst sicherstellte, dass seine Haare an die Gefährten verteilt wurden, als „er zum Friseur sagte: ‚Hier‘ und er wies mit seiner Hand zur rechten Seite seines Kopfes auf eine bestimmte Weise und gab die Haare dann den [Menschen] um ihn herum. Dann gab er dem Friseur eine Geste Richtung linke Seite und [nach der Rasur] gab er [diese Haare] Umm Sulaym, [der Mutter von Anas] [...]“ In einer anderen Überlieferung heißt es: „Er verteilte ein oder zwei Haar/e an jede Person“ und eine ganz besondere Menge gab er Abu Talha und ihm speziell ordnete er an, „sie zwischen den Menschen aufzuteilen.“ 

Dies zeigt deutlich auf, dass das Sammeln der prophetischen Haare nicht nur dem Wunsch der Gefährten entsprang, sondern der Prophet – Allah möge ihm Segen und Frieden schenken – selbst anordnete, seine Haare während seiner Abschiedshadsch zu verteilen. Die Gründe dafür sollen im Folgenden erläutert werden. 

Manchmal fragte der Prophet – Allahs Segen und Frieden seien mit ihm – sogar solche, die seine Haare, Schweiß, Blut oder ähnliches sammelten, nach dem Grund für ihr Handeln und der Verwendung des Gesammelten. „O Gesandter Allahs“, antwortete Umm Sulaym in einer Begebenheit, „wir hoffen auf dessen Baraka (Segen) für unsere Kinder.“ 

„In deiner Hoffnung darauf liegst du richtig“, erwiderte der Prophet und bestätigte damit die Richtigkeit ihrer Absicht und Handlung. An anderen Stellen antwortete er einfach, indem er für die betroffene Person, die ihre Liebe auf diese Weise äußerte, ein Bittgebet sprach oder ihr Sicherheit vor bestimmten Krankheiten oder sogar dem Höllenfeuer versprach. 

Der Grund für die Frage des Propheten – Friede und Segen seien mit ihm – entsprang natürlich nicht seiner Unkenntnis darüber, denn er war sich seiner gesegneten Natur [durch Allah] bewusst. Vielmehr wollte er damit womöglich das Liebesgeständnis dieses Freundes und dessen Respekt ihm gegenüber aufdecken und ihn explizit in seinem Handeln sowie seiner Beweggründe bestätigen. Dies, um die nächsten Generationen der Muslime zu lehren, wie sie die Person des Propheten zu erachten und hochzuachten haben, sodass zukünftig keiner in Zweifel, Ablehnung oder Irritation diesbezüglich gerät. 

Die Wunder, die mit den gesegneten Haaren zusammenhängen 

Die Gefährten und wer nach ihnen kam, nahmen von den gesegneten Haaren und anderen prophetischen Bestandteilen Gebrauch, um Segen und Heilung zu ersuchen. Dies geschah sowohl zur Zeit des Propheten – Allahs Frieden und Segen seien mit ihm – als auch danach. 

Uthman ibn Abdullah ibn Mawhab sagte: „Meine Familie schickte mich zu Umm Salama, die Frau des Propheten – Allahs Frieden und Segen seien mit ihm –1, mit einer Wasserschale“ und [der Überlieferer] hielt drei Finger zusammen, um auf die Größe des kleinen Gefäßes hinzuweisen, das ein paar gesegnete Haare des Propheten beherbergte, „und wann immer jemand vom bösen Auge befallen war oder jeglichen anderen Schaden [erlebte], schickte man ihr ein Gefäß [mit Wasser], [um die Haare darin einzutauchen und aufgrund der heilenden Wirkung davon zu trinken]. So spähte ich ins Gefäß und sah darin ein paar rötliche Haare [des Propheten].“ (Sahih al-Bukhari) 

Imam Al-Ayni erwähnt in seinem Kommentar zu Sahih al-Bukhari, dass die erkrankten Menschen, die von diesem Wasser tranken, geheilt wurden, danach wurden die Haare zurück ins Gefäß gegeben. [Al-Ayni, Umdat al-Qari] […] 

Eines Tages, als seine Kappe inmitten der Dichte eines großen Gefechts auf den Boden fiel, schrie er „Meine Kappe! Meine Kappe!“ und ging ihr um jeden Preis nach. Einer seiner Angehörigen schnappte sie im Gedränge auf und gab sie ihm zurück. Als er später dafür getadelt wurde, sich und seine Kameraden wegen einer einfachen Kappe in Lebensgefahr gebracht zu haben, antwortete Khalid, dass es nicht die Kappe war, die er wollte, sondern die gesegneten Haare darin. 

Das sind nur zwei Ereignisse, die zeigen, wie die frühen Muslime die gesegneten Haare des Propheten für Heilung, Segen und als Mittel zur Erlangung des göttlichen Beistands verwendeten. 

Die Ehrerbietung der frühen Muslime für die prophetischen Haare 

Die frühen Muslime haben die gesegneten Haare nicht nur aus utilitaristischen, also am weltlichen Nutzen orientierte Gründe bewahrt. Vielmehr liebten sie diese Hinterlassenschaften, da sie ein Teil des Propheten – Allah möge ihm Frieden und Segen schenken – waren und sie wünschten sogar damit begraben zu werden und Allah anzutreffen. 

Thabit al-Banani überlieferte: „Anas ibn Malik sagte mir [kurz vor seinem Tod]: ‚Das ist ein Haar von den Haaren des Gesandten Allahs; lege es unter meine Zunge.‘ So platzierte ich es unter seine Zunge, und [als er verstarb] wurde er begraben und das Haar befand sich noch unter seiner Zunge.“ [Ibn Hajr, al-Isaba] 

Ibn Sirin [ein großartiger Gelehrter der Nachfolgergeneration der Gefährten] merkte an: „Mir ist es lieber eines dieser Haare zu haben als die gesamte Welt und alles, was sich in ihr befindet.“ [Ahmad] 

Die Bewahrung der prophetischen Haare in der heutigen Zeit 

In den oben erwähnten Hadithen ist deutlich geworden, dass die gesegneten Haare des Propheten – Allah möge ihm Segen und Frieden schenken – bereits in der Frühzeit des Islam sorgfältig bewahrt wurden und, dass man sich darum gekümmert hat. Die Weitergabe dieser und auch anderer prophetischer Hinterlassenschaften von einem Besitzer zum Nächsten und die damit einhergehende Migration dieser Objekte in diverse muslimische Länder finden durchgängig Erwähnung in der islamischen Geschichte.  

Deshalb ist heute bekannt, dass [beispielsweise] die prophetischen Haare nahezu in jedem traditionellen Zentrum islamischer Zivilisation be- und entsprechend verwahrt sind. Oft wurden diese von islamischen Herrschern des jeweiligen Gebietes erlangt, sodass der gesamte Staatsapparat zur Bewahrung und Sicherheit der Haare sein Bestes beitrug.  

Manchmal wurden die Haare aber auch als Familienerbstück innerhalb der prophetischen Verwandtschaft [Ahlul Bayt] oder anderer Gelehrtenfamilien weitergegeben. Einige Haare sind heute in Museen öffentlich zugänglich oder werden in jährlichen Gedenkfeiern des prophetischen Geburtstags (Mawlid) präsentiert. Manche Besitzer der prophetischen Haare können sogar eine Vermittlungskette (sanad) der Erben vorweisen, d.h. sie kennen jeden Einzelnen, über den die Haare über die Jahrhunderte hinweg weitergegeben wurden.  

Während uns solche Haare, die (gegenwärtig wie damals) von islamischen Herrschern oder prominenten Familien mit dokumentierten Vermittlungsketten bewahrt wurden bzw. werden, die größte Authentizität zusichern, ist es ebenso wahr, dass wir heutzutage nicht jede Behauptung sicher verifizieren können. Allerdings gibt das keinerlei Anlass dazu, die Existenz oder Authentizität aller Haare in Zweifel zu ziehen, geschweige denn uns selbst oder andere, die an die Echtheit dessen glauben, daran zu hindern, davon Segen zu erlangen. 

Am Ende kennt – neben dem großen Segen und den Nutzen in diesem und im nächsten Leben, wenn man dies wirklich bezweckt – nur Allah den Wert der Tat desjenigen, der den Propheten (Allahs Frieden und Segen seien mit ihm) liebt, zu Tränen gerührt und dankbar dafür ist, dass alleine überhaupt die Möglichkeit darin besteht, gerade ein Teil seines Meistgeliebten zu erblicken. Solchen Segen aufgrund der reinen Liebe und Intention eines Menschen zu erschaffen, ist für Allah ein Leichtes, für wen Er dies auch immer will. 

Die Weisheit hinter der Tatsache, dass die Haare in der muslimischen Welt verblieben sind 

Imam al-Zurqani sagte: „Der Prophet – Möge Allah ihm Frieden und Segen schenken – verteilte seine Haare unter seinen Gefährten nur, damit der göttliche Segen unaufhörlich unter ihnen bestehen und als Erinnerung [an ihn] erhalten bleibt; so als wollte er darauf hinweisen, dass er die Welt bald verlassen würde.“ [al-Mubarakpuri, Sharh al-Mishkah] 

Während der geliebte Gesandte nicht auf die Weise unter uns weilt, wie er es zuvor tat, bleibt sein Segen und die liebevolle Erinnerung durch seine gesegneten Haare und durch andere seiner Hinterlassenschaften bestehen. Schön wäre es, wenn wir diese Gnade an uns begreifen und von Allah damit gesegnet werden, sie in diesem Leben zu erblicken. 

Wassalam, 

Abdullah A. Misra 

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