Datum: 
22.10.2014

Vorwort des Übersetzers

Im Namen Allāhs des Allbarmherzigen, des Allgütigen. Jeglicher Lob und Preis gebührt Ihm allein, der Seinen Gesandten Muḥammad Muṣṭafā zur Darlegung jeglicher Angelegenheit in dieser Welt sandte, zur Vertreibung der Finsternis und zum Führen der Menschen aus ihr in das Licht. Mögen die Gebete und Grüße für ihn aus den Mündern Seiner Freunde bis in die Unendlichkeit im Raum hallen und möge Gott ihm Heil und Segen schenken.

Der Anlass für die Übersetzung dieses Abschnittes aus einem längeren Artikel der Rihle, erschienen im Darul-Hikme Verlag Istanbul, verfasst von Hikmet Akpur, war das Aufsuchen verschiedener Sitzungen und das Lesen unterschiedlicher Beiträge und Kommentare sowie die Unterhaltung mit Freunden, Geliebten und der eigenen Familie. Wenn in diesen Sitzungen der Rang, das Wissen und die Verfügungsgewalt des Propheten besprochen wurde und natürlich auch aktuelle Angelegenheiten und Themen, die im Bezug zu den Aussprüchen des Propheten stehen, wurde immerzu die „Begebenheit mit den Datteln“ erwähnt. Manch einer tat dies in guter Absicht und manch einer schien damit eine Herabsetzung des prophetischen Wissens, seiner Verfügungsgewalt und seiner Aufgabe als Prophet zu beabsichtigen. Möge Allāh uns davor bewahren! Doch die Absicht bei allen war es immer, dass der Prophet uns die weltlichen Angelegenheiten, ihre Bestimmungen und ihre Beurteilungen überlassen habe und sich nicht darin eingemischt habe. Ein anderer will mit dem Beispiel sagen, der Prophet sei letztlich nur ein Mensch gewesen und habe nicht wirklich alles wissen können. So wird diese Begebenheit für einen fatalen Analogieschluss verwendet - nämlich, dass dies auch in anderen Angelegenheiten so gewesen sein kann. Es werden auch viele weitere verschiedene Thesen mit dieser Begebenheit untermauert.

Die Absicht und das Ziel dieser Übersetzung ist es, diese Überlieferung in ein rechtes Licht zu rücken, seine korrekte Bedeutung und seinen rechtsbestimmenden Charakter festzustellen, um einem Missbrauch und einer Fehldeutung entgegenzuwirken. Das eigentliche Thema des Artikels beschäftigt sich mit der prophetischen Medizin, und ob diese eine Offenbarung sei oder nicht, da Gott im Koran sagt: »Und er spricht nicht aus (persönlicher) Neigung. Es ist nichts anderes als eine inspirierte Offenbarung.« (Koran, 53/3-4) Die Frage stellt sich, ob dieser Vers absolut zu verstehen sei oder nicht. Die Übersetzung in diesem Artikel beschränkt sich jedoch nur auf die erwähnte Begebenheit und ihre Darlegung.

Und von Allāh allein ist der Erfolg und Er weiß es am besten.

[…] Diejenigen, die behaupten, dass Medizin vollkommen dem menschlichen Verstand ausgesetzt und zur weltlichen Angelegenheit gehört und keine Offenbarung ist (wie Ibn Ḫaldūn und jene, die ihm folgen[1]), führen zu allererst den Ḥadīṯ mit der Bestäubung der Datteln an. Daher werden wir nun die Beweiskraft dieses Ḥadīṯ behandeln. Die verschiedenen Überlieferungen dieses Ḥadīṯ lauten:

مُوسَى بْنِ طَلْحَةَ ، عَنْ أَبِيهِ ، قَالَ : مَرَرْتُ مَعَ رَسُولِ اللهِ صَلَّى اللهُ عَلَيْهِ وَسَلَّمَ بِقَوْمٍ عَلَى رُءُوسِ النَّخْلِ ، فَقَالَ : "مَا يَصْنَعُ هَؤُلَاءِ؟" فَقَالُوا : "يُلَقِّحُونَهُ ، يَجْعَلُونَ الذَّكَرَ فِي الْأُنْثَى فَيَلْقَحُ" ، فَقَالَ رَسُولُ اللهِ صَلَّى اللهُ عَلَيْهِ وَسَلَّمَ: "مَا أَظُنُّ يُغْنِي ذَلِكَ شَيْئًا." قَالَ فَأُخْبِرُوا بِذَلِكَ فَتَرَكُوهُ ، فَأُخْبِرَ رَسُولُ اللهِ صَلَّى اللهُ عَلَيْهِ وَسَلَّمَ بِذَلِكَ فَقَالَ: "إِنْ كَانَ يَنْفَعُهُمْ ذَلِكَ فَلْيَصْنَعُوهُ ، فَإِنِّي إِنَّمَا ظَنَنْتُ ظَنًّا ، فَلَا تُؤَاخِذُونِي بِالظَّنِّ ، وَلَكِنْ إِذَا حَدَّثْتُكُمْ عَنِ اللهِ شَيْئًا فَخُذُوا بِهِ ، فَإِنِّي لَنْ أَكْذِبَ عَلَى اللهِ عَزَّ وَجَل."

Mūsā b. Ṭalḥah überliefert von seinem Vater, der sagte: „Ich begegnete mit dem Gesandten Allāhs gemeinsam einer Gruppe von Menschen, die sich bei den Dattelpalmen befanden. Der Gesandte fragte: „Was tun sie da?“, und es wurde gesagt: „Sie bestäuben die Dattelpalmen, das heißt, sie führen die männliche (Blüte) in die weibliche (Blüte).“ Er - Segen und Heil seien auf ihm - sagte: „Ich vermute nicht, dass das einen Nutzen bringen wird.“ Mūsā b. Ṭalḥah sagt: „Sie berichteten dies und daraufhin ließen sie von der Befruchtung ab. Als der Gesandte Allāhs davon erfuhrt, sagte er: „Wenn dies ihnen nützt, dann sollen sie dies tun, denn ich habe nur eine Vermutung geäußert. Ihr sollt mich nicht wegen meiner Vermutung kritisieren. Wenn ich euch jedoch eine Sache von Allāh sage, so nimmt dies, denn ich lüge zweifellos nicht über Allāh ʿazza wa ǧalla.“[2]

حَدَّثَنِي رَافِعُ بْنُ خَدِيجٍ، قَالَ قَدِمَ نَبِيُّ اللَّهِ صلى الله عليه وسلم الْمَدِينَةَ وَهُمْ يَأْبُرُونَ النَّخْلَ يَقُولُونَ يُلَقِّحُونَ النَّخْلَ فَقَالَ ‏"‏ مَا تَصْنَعُونَ ‏"‏ ‏.‏ قَالُوا كُنَّا نَصْنَعُهُ قَالَ ‏"‏ لَعَلَّكُمْ لَوْ لَمْ تَفْعَلُوا كَانَ خَيْرًا ‏"‏ ‏.‏ فَتَرَكُوهُ فَنَفَضَتْ أَوْ فَنَقَصَتْ - قَالَ - فَذَكَرُوا ذَلِكَ لَهُ فَقَالَ ‏"‏ إِنَّمَا أَنَا بَشَرٌ إِذَا أَمَرْتُكُمْ بِشَىْءٍ مِنْ دِينِكُمْ فَخُذُوا بِهِ وَإِذَا أَمَرْتُكُمْ بِشَىْءٍ مِنْ رَأْىٍ فَإِنَّمَا أَنَا بَشَرٌ ‏"‏ ‏.‏ قَالَ عِكْرِمَةُ أَوْ نَحْوَ هَذَا ‏.‏ قَالَ الْمَعْقِرِيُّ فَنَفَضَتْ ‏.‏ وَلَمْ يَشُكَّ .

Rāfiʿ b. Ḫadīǧ überlieferte: „Als der Gesandte Allāhs nach Medina kam, waren die Medinenser dabei die Datteln zu bestäuben. Als gesagt wurde, dass sie die Datteln bestäuben, fragte der Prophet - Segen und Heil seien auf ihm -: „Was tut ihr da?“, und sie sagten: „Wir befruchten die Datteln.“ Der Gesandte Allāhs sagte: „Wenn ihr dies nicht tun würdet, wäre dies für euch besser.“ Daraufhin unterließen sie dies und die Knospen fielen ab oder die Ernte fiel gering aus. Als ihm dies mitgeteilt wurde, sagte er: „Ich bin nur ein Mensch, wenn ich euch bezüglich eurer Religion etwas befehle, so nimmt dies, doch wenn ich euch etwas von meiner eigenen Ansicht sage, so bin ich nur ein Mensch.“ ʿIkrimah sagte: „Oder er sagte etwas ähnliches.“ Al-Maʿqirīy sagte: „Die Dattelknospen fielen ab.“ Und er zweifelte nicht.[3]

عَائِشَةَ وَعَنْ ثَابِتٍ عَنْ أَنَسٍ أَنَّ النَّبِيَّ صَلَّى اللَّهُ عَلَيْهِ وَسَلَّمَ مَرَّ بِقَوْمٍ يُلَقِّحُونَ فَقَالَ لَوْ لَمْ تَفْعَلُوا لَصَلُحَ قَالَ فَخَرَجَ شِيصًا فَمَرَّ بِهِمْ فَقَالَ مَا لِنَخْلِكُمْ قَالُوا قُلْتَ كَذَا وَكَذَا قَالَ أَنْتُمْ أَعْلَمُ بِأَمْرِ دُنْيَاكُمْ.

ʿĀʾišah und Ṯābit überliefern von Anas: Der Gesandte Allāhs kam an einer Gruppe vorbei, die beim Bestäuben war. Er sagte: „Es ist sicherlich besser, wenn ihr dies nicht tut.“ Anas sagte: „Die Datteln fielen als Knospen vom Baum.“ Als der Gesandte Allāhs wieder an ihnen vorbeiging, sagte er: „Was ist mit euren Datteln geschehen?“, und sie sagten: „Wir taten wie du uns geheißen hast und das ist passiert.“ Er sagte: „Ihr kennt die Angelegenheit eurer Welt besser.“[4]

وعن جابر بن عبد الله أن النبي - صلى الله عليه وسلم - مر بقوم يلقحون النخل ، فقال:"ما أرى هذا يغني شيئا" ، فتركوها ذلك العام فشيصت ، فأخبر النبي - صلى الله عليه وسلم - فقال: "أنتم أعلم بما يصلحكم في دنياكم."

Ǧābir b. ʿAbdullāh überliefert: Der Gesandte ging an einem Volk vorbei, welches die Datteln befruchtete. Er sagte: „Ich bin nicht der Meinung, dass dies Nutzen bringen wird.“ Daraufhin unterließen sie dies. In diesem Jahr fielen die Datteln von den Bäumen, als sie noch Knospen waren. Dies wurde dem Propheten berichtet. Er sagte: „Ihr wisst hinsichtlich eurer Welt besser, was für euch nützlich ist.“[5]

Über diese Aḥādīṯ gibt es die Beurteilungen ṣaḥīḥ, ḥasān und mursal des ṣaḥābī. Es gibt also keinen Zweifel über die Authentizität des Ḥadīṯ in diesem Bereich. Wir wollen nun die Gesamtheit des Ḥadīṯ feststellen und dann besprechen, inwiefern dies mit Medizin zu tun hat. Man kann trotz der unterschiedlichen Wortlaute dieser vier Aḥādīṯ sagen, dass diese Punkte sicher sind:

 

  1. Der Gesandte Allāhs sagte schon gleich am Anfang der ersten Überlieferung:

إِنْ كَانَ يَنْفَعُهُمْ ذَلِكَ فَلْيَصْنَعُوهُ ، فَإِنِّي إِنَّمَا ظَنَنْتُ ظَنًّا

Wenn ihnen dies nützt, dann sollen sie dies tun, denn ich habe nur eine Vermutung geäußert“, womit er darauf hindeute, dass er lediglich eine Vermutung äußerte und somit dies keine prophetische Anordnung war und sie freigestellt sind so zu handeln, wie sie denken, dass es Nutzen für sie bringt. Als dann die Datteln herabfielen ist es höchstwahrscheinlich so, dass der Gesandte Allāhs – in Anbetracht der unterschiedlichen Wortlaute der Überlieferungen – wiederholte, dass er nur eine Vermutung geäußert hatte.

  1. Dennoch haben die Gefährten des Propheten dies als ein Befehl des Propheten wahrgenommen (das heißt, sie verstanden den Propheten falsch) oder, obwohl sie wussten, dass dies kein Befehl war, haben sie aufgrund ihrer Liebe und Gebundenheit zum Propheten die Befruchtung sein lassen. Dies ist ein wichtiger Punkt, den es hinsichtlich der vollkommenen Ergebung der Gefährten in jegliche Meinungen des Propheten zu bedenken gilt. Die Gefährten des Propheten bewahrten den Anstand ihre Ansichten nicht über die Ansichten des Propheten zu stellen sogar in Angelegenheiten, in denen sie sehr bewandert waren – und dies waren sie sehr wohl bei der Bestäubung von Datteln, da sie dies nämlich gewöhnlich taten.
  1. Ibn Taymiyyah sagt: „Der Prophet verbat ihnen die Bestäubung nicht, sondern sie irrten sich in ihrer Vermutung, dass der Prophet es ihnen verboten habe, genauso wie der Gefährte, der sich in der Anwendung des äußeren Wortlautes des Verses „die weiße Schnur“ und „die schwarze Schnur“ (2:187) irrte.“[6] Somit war dies kein Fehler von Seiten des Propheten, sondern ein Fehler der Gefährten, die ihn missverstanden hatten.
  2. Nachdem der Prophet seine eigene Meinung dargelegt hatte und etwas anderes geschah, sagte er:

وَإِذَا أَمَرْتُكُمْ بِشَىْءٍ مِنْ رَأْىٍ فَإِنَّمَا أَنَا بَشَرٌ

„Wenn ich euch etwas von meiner eigenen Ansicht sage, so bin ich nur ein Mensch.“ Damit lehnte der Prophet nicht ab, dass er mit Vermutungen und Ansichten befehle äußern kann, sondern er sagte damit, dass sie Möglichkeit des Irrtums bedenken sollen. In der Überlieferung des Ibn Māǧah wird über die Wahrscheinlichkeit, dass sich in seiner Ansicht (vor der Offenbarung) ein Fehler befinden kann, berichtet. Darüber hinaus bedeuten die Worte des Propheten „von meiner eigenen Ansicht“ die Angelegenheiten, über die keine Offenbarung notwendig ist und welche zu den Angelegenheiten der Welt gehören und er sonderte damit seine Worte über die Themen der Realität der Existenz (Diesseits/Jenseits), der Gesetze der Šarīʿah  und des Glaubens ab.

  1. Wenn wir uns den Satz der dritten Überlieferung:

أَنْتُمْ أَعْلَمُ بِأَمْرِ دُنْيَاكُمْ.

„Ihr kennt die Angelegenheit eurer Welt besser“, genauer ansehen – denn dies ist die Stütze derer, welche die Aḥādīṯ über die prophetische Medizin in diese Kategorie einordnen -, sagte der Gesandte Allāhs nicht: „Ihr kennt die Angelegenheiten der Welt besser“, sondern er sagte: „Ihr kennt die Angelegenheiten eurer Welt besser.“ Hierin liegt ein feines Detail. Der Gesandte Allāhs sagte damit, dass sie ihren Fachbereich und ihr Handwerk besser kennen, denn der Gesandte Allāhs war nicht damit beauftragt in allen Handwerken und Fachbereichen bewandert zu sein. Weil die Einkommensquelle und das Handwerk einer jeden Person Teil seiner eigenen Welt ist, schränkte der Prophet dies mit der Aussage: „eure Welt“ ein. In der von Tabarānī von Ǧābir b. ʿAbdullāh überlieferten Version heißt es am Ende: „Ich bin kein Landwirt und kein Gärtner, so bestäubt“, was dies verdeutlicht. Er - Segen und Heil seien auf ihm – sagte nicht: „Die Angelegenheiten der Welt“, denn unter den Menschen sind es die Propheten, welche die Angelegenheiten der Welt am allerbesten kennen. Daher teilte der Prophet zwischen den Angelegenheiten der Welt und den persönlichen/speziellen Angelegenheiten. Während also die Grundlagen für die persönlichen und sozialen Gegebenheiten und Angelegenheiten die prophetische Leitung bedürfen, wurden die Handwerke und Einkommensquellen, welche an wissenschaftliche und technologische Fortschritte  gebunden sind, der menschlichen Freiheit innerhalb der Grenzen der Šarīʿah überlassen. Daher muss man unter der Aussage: „die Angelegenheiten eurer Welt“ den Bereich verstehen, den man als ibāḥa (Neutralität) bezeichnet, also notwendige Angelegenheiten, welche keine Verordnung seitens der Šarīʿah benötigen und die sich den Verlauf von Zeit, Ort, Klima und Kultur verändern können. Weil diese Angelegenheiten unzählige sind und Ḥalāl und Ḥarām klar sind, wäre die einzelne Erwähnung dieser von Seiten des Gesetzerlassenden nicht weise.

Imām al-Nawawī sagt:

„Die Gelehrten sagten über: ‚Ihr kennt die Angelegenheit eurer Welt besser‘ folgendes: ‚Die Aussage des Propheten in der erwähnten Überlieferung:

مِنْ رَأْىٍ

„gemäß meiner Ansicht“, schließt all das ein, welches mit den weltlichen Angelegenheiten und Einkommensquellen zu tun hat und nicht durch tašrīʿ (rechtlicher Erlass) ist. Jene Sachen, welche der Prophet - Segen und Heil seien auf ihm – als Ansicht oder Iǧtihād geäußert hat, so ist deren Befolgung gemäß der Šarīʿah verpflichtend, doch die Bestäubung der Datteln fällt nicht in diese Kategorie, sondern in die vorher erwähnte Kategorie.“

Die Gelehrten sagten: „Diese Aussage – wie es auch die Überlieferungen klar darlegen – sind nicht in die Kategorie der Kundgebung einzuordnen, sondern in die Kategorie der Vermutung. Sie sagten: „Seine - Segen und Heil seien auf ihm – Vermutung in Bezug auf Handwerke ist wie die Meinung und Vermutung anderer. Wie in diesem Beispiel auch gibt es kein Hindernis für ihr Auftreten und es ist auch nichts Mangelhaftes darin. Grund hierfür ist, dass er seine gesamte Konzentration auf das Jenseits und die Erkenntnis dessen gerichtet hatte…“[7]

Wir erachten die Deutung der Worte:  „Ihr kennt die Angelegenheit eurer Welt besser“, wie es al-Nawawī und Qāḍī ʿIyāḍ tun, nämlich, dass das Herz des Propheten so gefüllt war mit der Liebe und Gewaltigkeit Gottes, dass er keine Beziehung mehr zu den weltlichen Angelegenheiten hatte, von einer Seite her nicht als korrekt. Zu sagen, dass der Gesandte Allāhs mit den weltlichen Angelegenheiten nichts mehr zu tun hatte, widerspreche der Realität. Dass sein Herz gefüllt war mit der Andacht Gottes stellt keinen Widerspruch zu der Beschäftigung mit den Angelegenheiten der Menschen dar. So war ja der Grund, wieso er seine Meinung über die Bestäubung der Datteln äußerte, weil er mit allen Angelegenheiten seiner Gemeinde sich beschäftigte. Gemäß unserer Ansicht war die hohe Absicht des Gesandten, wie wir es darlegten. So wird dies auch bestärkt von dem Satz in Ibn Māǧah: „Wenn eine Sache die Angelegenheit eurer Welt ist, dann soll es so sein, wie ihr es kennt.“

  1. Wenn wir die beiden Sätze: مِنْ رَأْىٍ“ „gemäß meiner Ansicht“ und أَنْتُمْ أَعْلَمُ بِأَمْرِ دُنْيَاكُمْ., „Ihr kennt die Angelegenheiten der Welt besser als ich“  zusammenfügen und sie gemeinsam betrachten, verstehen wir daraus: „dass Handwerke für weltliches Einkommen und das Handwerk von Fachmännern nicht Thema des tašrīʿ (urteilsgebenden Offenbarung) ist. Die Datteln zu jener Jahreszeit zu bestäuben, die Festlegung der Art der Bestäubung und die Bestimmung der Wassermenge zur Bewässerung etc. sind nicht per-se die Angelegenheiten des tašrīʿ, sondern sind Angelegenheiten, die unter die Kategorie „ihr kennt die Angelegenheiten der Welt besser als ich“ fallen. Doch das Handwerk mit ḥalāl Mitteln auszuführen, währenddessen keinem zu schaden, das Erworbene für Erlaubtes auszugeben und die von der Šarīʿah vorgegebenen Abgaben zu entrichten, sind „weltliche Angelegenheiten“, die dem tašrīʿ unterliegen und fallen nicht unter den Ḥadīṯ: „eure weltlichen Angelegenheiten“. Daher nannte Imām al-Nawawī den Namen des Kapitels in Ṣaḥīḥ Muslim: „Die religiöse Pflicht seinen [des Propheten] Worten bezüglich dem Lebensunterhalt zu gehorchen, wenn sie nicht seine Vermutung darstellen.“ (Wuǧūbu imtisāli mā qālahu šarʿan dūna mā zakarahu min maʿāyīš al-dunyā ʿalā sabīl al-raʾy).

Es ist nicht Thema des tašrīʿ die Medizin und die Behandlungsformen und Mittel sowie die Medikamente zu bestimmen, jedoch die Bestimmung dessen, ob die verwendeten Materialien ḥalāl oder ḥarām sind. Auch unterstehen jene Handwerke, die an die Moral geknüpft sind, der Šarīʿah.

  1. Alle Aḥādīṯ, außer jene, in denen der Prophet erwähnte, dass er mit seiner menschlichen Vermutung und Beurteilung spricht, können nicht ohne einen starken Beweis oder Hinweis als die menschliche Vermutung oder Beurteilung des Propheten - Segen und Heil seien auf ihm - gewertet werden. Den Satz des Ḥadīṯ: „Ihr kennt die Angelegenheiten eurer Welt besser“ als allumfassend zu verstehen ist eine vollständig falsches und nichtiges Verständnis. Denn der Kontext des Ḥadīṯ ist ganz klar und offenkundig ein Bereich, der nicht Thema der Offenbarung und des tašrīʿ ist. Den Ort des Satzes und die mit dem Satz umfasste Bedeutung außerhalb seines Bereiches zur Geltung zu bringen, erfordert einen starken Hinweis. Der ehrenvolle Scheich Muḥammad b. Ṭāhir b. ʿĀšūr sagt:

„Wisse dass unter den besonders erwähnten Zuständen des Propheten der Zustand des tašrīʿ am häufigsten und gewaltigsten war, denn Allāh - Erhaben und Makellos ist Er – wollte mit seiner Sendung in erster Linie tašrīʿ. Dieser Zustand [des Propheten] wird mit den folgenden Worten Allāhs dargelegt: „Und Muhammad ist nichts anderes außer ein Gesandter…“ (3:144). Daher ist es letztlich notwendig die Worte und Taten des Propheten in Bezug auf den Zustand seiner Gemeinde als Angelegenheiten des tašrīʿ zu erachten. Dies ist solange notwendig, bis ein konträrer Hinweis erbracht wurde.“[8]

„Und dein Herr hat der Biene eingegeben: Mach dir Häuser aus den Bergen und aus den Bäumen und aus dem, was die Menschen (an Reblauben oder Hütten) errichten! Hierauf iss von allen Früchten und zieh auf den Wegen deines Herrn, (die dir) gebahnt (sind), dahin! Aus dem Leib der Bienen kommt ein für die Menschen heilsames Getränk von verschiedenen Arten heraus. Darin liegt ein Zeichen für Leute, die nachdenken.“ (16/68-69).

Dieser Vers alleine reicht aus um die Falschheit der Herangehensweise darzustellen, welche versucht, die Worte des Gesandten Gottes über die Medizin anhand des Ḥadīṯ in Muslim mit der Bestäubung der Datteln als „Angelegenheiten eurer Welt“ zu verstehen und die besagt, dass dies nur das traditionelle Wissen der Araber war. Dieser Vers über die Heilung bezieht sich nämlich auf die weltlichen Angelegenheiten und Allāh gab uns die Biene und den Honig als ein Zeichen. Der Gesandte Gottes lehrte die Anwendung des Verses indem er dem Ṣaḥābī, der sich über die Bauchschmerzen (Durchfall) seines Bruders beklagte, anriet ein Getränk aus Honig zu trinken. Dies zeigt uns, dass wir einige Worte des Propheten über die Medizin sogar als Erläuterung des Korans wahrnehmen können.

Die Angelegenheiten des Ḥalāl und Ḥarām in Speise und Trank, die Nuṣuṣ (klaren eindeutigen Texte) in Bezug auf die zwischenmenschlichen Beziehungen, über das Strafrecht sowie den Handel – all diese Themen, obwohl sie zu den weltlichen Angelegenheiten gehören, werden im Koran und der Sunna reguliert. Es ist bar jeglicher Notwendigkeit darzulegen, dass alle Regelungen der Šarīʿah zur Ordnung und Regulierung der weltlichen Angelegenheiten existieren, ausgenommen das Gebet, das Fasten, die Pilgerfahrt sowie die Andacht Gottes.

Eine solche Einteilung ist aus der Sicht des Islāms nicht korrekt. Überlieferungen dieser Art werden in der Moderne auch oft von jenen verwendet, die für die Muslime einen Säkularisierungsprozess wünschen. Die Šarīʿah ist für diese Welt gekommen und dies bedeutet ein Leben im Wohlgefallen Gottes zu verbringen und im Jenseits die Wohnstätte des Friedens zu betreten. Dies ist nur mit der Šarīʿah möglich, weswegen sie das Leben reguliert.

Insbesondere die Wiedergabe der Worte des Propheten als: „ihr kennt die weltlichen Angelegenheiten besser“ ist eine klare Verfälschung. Dieser Satz würde sich auf alle zwischenmenschlichen Beziehungen, auf alle sozialen und politischen Angelegenheiten beziehen und wäre somit höchstgefährlich. Einige Orientalisten, Laizisten und Abendländer verbreiten diese Ideen und versuchen die muslimische Bevölkerung damit zu verwirren.

  1. Hat diese erwähnte Überlieferung etwas mit Medizin zu tun? Es gibt nicht einmal den kleinsten Hinweis dafür. Weder Ibn Ḫaldūn - möge Allāh barmherzig mit ihm sein – noch jene gegenwärtigen Forscher, die ihm darin folgen, können dies beweisen. Der vorgelegte Qiyās beinhaltet keine gemeinsame ʿilla (Rechtsgrund) zwischen māqis (dem Verglichenen) und māqisun ʿalayh (auf den der Vergleich angewandt wird). Es wird erst ein Urteil gefällt und dann wird der vorgebrachte Hinweis mit den medizinischen Überlieferungen verglichen und dies ist keine korrekte Herangehensweise. In der Bestäubung der Datteln gibt es nichts, was mit Ḥarām, Ḥalāl, ʿAqīdah oder Ethik zu tun hat, doch dies trifft nicht auf die Überlieferungen über die Medizin zu. In den Überlieferungen über Medizin vom Propheten gibt es nicht, wie es bei der Überlieferung mit den Datteln vorkommt, einen Ausdruck, der besagt, dass dies seine Vermutung sei. Es steht nirgends: „Ihr kennt die Angelegenheiten eurer Welt besser“. Im Gegenteil: die Überlieferungen beinhalten klare Befehle, Ratschläge und Verbote und sind in einem eindeutig bestimmenden Wortlaut. Daher ist der Vergleich der Medizin mit der Bestäubung der Datteln nicht korrekt und sie stehen in keiner Relation zueinander. Hinzukommt, dass keiner der Kommentatoren jemals erwähnte, dass die Aḥādīṯ über Medizin ebenfalls so zu werten seien.

Heutige medizinische Themen wie künstliche Befruchtung, Reagenzglaskinder, Leihmütter, Abtreibung, Methoden und Medikamente der Geburtenkontrolle, Organtransplantation und die im Westen vorhandene und bei uns nicht existierende Euthanasie sind Fragen und Themen, welche sicherlich nicht unter dem Satz „ihr kennt die Angelegenheiten eurer Welt besser“ einzuordnen sind. Im Gegenteil, es muss Antworten auf diese Fragen mit den Worten der Šarīʿah geben, das heißt, es muss gesagt werden, ob es gestattet ist, ḥalāl oder ḥarām ist und unter welchen Bedingungen es gestattet ist oder nicht. […]

 

[1]Šāh Waliyullāh al-Dahlawī, Fazlurrahman und Šuʿayb ʿArnawūt. [Anm. d. Ü.]

[2] Ṣaḥīḥ Muslim, Kitāb al-Faḍāʾil, 38. Bāb, 2361. Ḥadīṯ, Riad 1427; Ibn Māǧah, B. 3, 2470. Ḥadīṯ, Damaskus 2009; In Ibn Māǧah ist es anders als in Muslim und es heißt dort: „Es ist nur eine Vermutung. Wenn es ihnen Nutzen bringt, sollen sie es tun. Ich bin nur wie ihr ein Mensch und eine Vermutung kann zweifellos richtig oder fehlerhaft sein.“ Musnad Aḥmad, B. 2, 1395., 1399. Ḥadīṯ, Kairo 1995. Hier heißt es: „Eine meiner Vermutungen.“ Musnad Abū Dāwūd al-Ṭayālisī, Aḥādīṯ Ṭalḥa b. ʿUbaydullāh, B. 1, 227. Ḥadīṯ, Dār al-Ḥiǧr 1999. Abū Yaʿlā al-Mawsilī, B. 2, 639. Ḥadīṯ, Damaskus 1984. Musnad al-Bazzār, B. 3, 937. Ḥadīṯ, Medina 1988. Hier lautet der Ḥadīṯ: „Ihr wisst besser, was für eure Welt angemessen ist. Ich habe euch zweifellos nur meine Vermutung gesagt…“. Al-Muntahab min Musnad ʿAbd b. Ḥumayd, B. 1, 102. Ḥadīṯ, Riad 2002. Yaḥyā b. Ādam al-Qurašī, Kitāb al-Harāǧ, S. 138f., 361. Ḥadīṯ, 1987. Ḥayṯam b. Kulayb aš-Šāšī, Musnad, B. 1, 7. – 9. Ḥadīṯ, Medina 1989. Ibn Abī Āsim, al-Āḥād wa al-Maṯānī, 207. Ḥadīṯ, S. 165, Riad 1991. Abū Nuʿaym, Hilyāt al-Awliyāʾ, B. 4, S. 372f., Libanon 1996.

[3]Ṣaḥīḥ Muslim, 2362. Ḥadīṯ. Ṣaḥīḥ Ibn Hibbān bī tartīb Ibn Balbān, B. 1, 23. Ḥadīṯ, Libanon 1993. Tabarānī, al-Muʿǧam al-Kabīr, B.4, 4424. Ḥadīṯ, Kairo.Ṣaḥīḥ Muslim, 2363. Ḥadīṯ. Ibn Māǧah, B. 3, 2471. Ḥadīṯ. Musnad Aḥmad, B. 17, 24801. Ḥadīṯ. In Ibn Māǧah und Imām Aḥmad heißt es: „Wenn eine Sache eine Angelegenheit eurer Welt ist, dann soll es so sein, wie ihr es kennt. Ist es jedoch eine Angelegenheit eurer Religion, so ist es meine Sache.“ Abū Yaʿlā al-Mawsilī, Musnad, B. 6, 3480., 3531. Ḥadīṯ. Ibn Hibbān, B. 1, 22. Ḥadīṯ. Ibn Ḥazm, al-Iḥkām fi Uṣūl al-Aḥkām, B. 5, S. 138 (mit eigener Kette). Die Überlieferungen von Anas raḍīyallāhu ʿanh gleichen denen der ʿĀʾišah raḍīyallāhu ʿanha im Wortlaut.

[4]Ṣaḥīḥ Muslim, 2363. Ḥadīṯ. Ibn Māǧah, B. 3, 2471. Ḥadīṯ. Musnad Aḥmad, B. 17, 24801. Ḥadīṯ. In Ibn Māǧah und Imām Aḥmad heißt es: „Wenn eine Sache eine Angelegenheit eurer Welt ist, dann soll es so sein, wie ihr es kennt. Ist es jedoch eine Angelegenheit eurer Religion, so ist es meine Sache.“ Abū Yaʿlā al-Mawsilī, Musnad, B. 6, 3480., 3531. Ḥadīṯ. Ibn Hibbān, B. 1, 22. Ḥadīṯ. Ibn Ḥazm, al-Iḥkām fi Uṣūl al-Aḥkām, B. 5, S. 138 (mit eigener Kette). Die Überlieferungen von Anas raḍīyallāhu ʿanh gleichen denen der ʿĀʾišah raḍīyallāhu ʿanha im Wortlaut.Nur al-Dīn al-Haytamī, Kašf al-Asrār an Zawāʾid al-Bazzār, B. 1, 202. Ḥadīṯ, Beirut 1979. Tabarānī, Muʿǧam al-Awsāt, B. 1, 1030. Ḥadīṯ, Kairo 1995. Am Ende von Tabarānī heißt es: „Ich bin kein Landwirt und auch kein Besitzer eines Dattelpalmengarten. So bestäubt.“ Die Überlieferungskette des Tabarānī ist schwach.

[5] Nur al-Dīn al-Haytamī, Kašf al-Asrār an Zawāʾid al-Bazzār, B. 1, 202. Ḥadīṯ, Beirut 1979. Tabarānī, Muʿǧam al-Awsāt, B. 1, 1030. Ḥadīṯ, Kairo 1995. Am Ende von Tabarānī heißt es: „Ich bin kein Landwirt und auch kein Besitzer eines Dattelpalmengarten. So bestäubt.“ Die Überlieferungskette des Tabarānī ist schwach.

[6] Šayḫ al-Islām Ibn Taymiyyah, Maǧmūʿ al-Fatāwā, B. 18, S. 11, Manṣūra 2005. Imām Nawawī, al-Minḥāǧ Šarḥ Ṣaḥīḥ Muslim, B. 15, S. 116, Kairo 1930.

[7]Imām Nawawī, al-Minḥāǧ Šarḥ Ṣaḥīḥ Muslim, B. 15, S. 116, Kairo 1930.

 

[8]Muḥammad Ṭāhir b. ʿĀšūr, Maqāṣid al-Šarīʿah al-Islāmīya, S. 229, Jordanien 2001.

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