Datum: 
06.10.2017
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“Zeichen der Gelehrten des Jenseits” – von Imam al-Ġazzālī
(Übersetzt von Šayẖ Nuh Ha Mim Keller in seinem Werk Sea Without Shore)

1. Er erstrebt mit seiner religiösen Gelehrsamkeit nicht diese Welt, denn ein Gelehrter weiß mindestens um die Erbärmlichkeit, Belanglosigkeit, Verkommenheit und Vergänglichkeit dieser Welt und um die Pracht, Beständigkeit, die unermessliche Weite und den Segen der jenseitigen Welt. Und er weiß, dass diese beiden Welten Gegensätze sind.

2. Seine Taten strafen seine Worte nicht Lügen. Und er weist niemanden an, etwas zu tun, ohne dass er nicht der Erste wäre, dies selbst zu tun.

3. Er widmet sich hingebungsvoll dem für das Jenseits nützliche Wissen, welches das innere Bedürfnis nach gottesdienstlichen Handlungen steigert. Und er meidet Abzweigungen religiöser Gelehrsamkeit, die von geringem Nutzen sind oder hauptsächlich aus Debatten und Geschwätz bestehen.

4. Er ist dem Luxus im Essen und Trinken abgeneigt, sowie dem Vergnügen an Kleidung und an der Ausschmückung der Einrichtung und Unterkunft, eher bevorzugt er Geringeres darin. Er ist eifrig, den frühen Muslimen (möge Allāh ihnen gnädig sein) darin nachzustreben und ist dem Minimum in Allem gewogen.

5. Er hält sich so weit wie möglich fern von Herrschern und besucht sie nie, solange eine Möglichkeit besteht, ihnen aus dem Weg zu gehen

6. Nur zögernd erteilt er Rechtsmeinungen (Fatāwā). Er unterlässt das Verordnen von Urteilen in unklaren Angelegenheiten und vermeidet es, seine eigene Meinungen zu äußern, wann immer er kann.

7. Sein größtes Anliegen gilt dem Wissen des Inneren und der Überwachung seines Herzens, dem Erkennen und Beschreiten des Weges zum Jenseits, in der aufrichtigen Hoffnung, diesen gezeigt zu bekommen, indem er sein Ego bekämpft (Muǧahada) und in spiritueller Wachsamkeit (Murāqaba) auf sich selbst achtgibt, da das Bezwingen des Egos zum Erblicken des Heiligen (Mušahāda) führt.

8. Er ist unentwegt bemüht, seine innere Gewissheit (Yaqīn) zu vertiefen, dem Kapital jedermanns Glaubens.

9. Er ist ernst, verhalten, stets gesenkten Blickes und sparsam an Worten. In seinem Verhalten und seiner Kleidung, seiner Regung und Ruhe, seinem Sprechen und Schweigen zeigt sich die Ehrfurcht vor dem Göttlichen. Niemand schaut ihn an, ohne dabei an Allāh, den Höchsten, erinnert zu werden; sein gesamtes Gebaren  zeugt von seinen Taten.

10. Er erstrebt hauptsächlich Wissen über spirituelle Taten und darüber, was diese zunichtemacht, was das Herz durcheinanderbringt, was unbegründete Zweifel weckt (Waswasa) und was das Böse hervorruft, denn das Verhindern von Bösem ist die Grundlage des Glaubens.

11. Er stützt sich in seinen Wissensdisziplinen auf die aufrichtige Erkenntnis und auf das, was er aus tiefstem Herzen weiß, nicht bloß auf das, was er durch das Lesen von Abhandlungen und Büchern oder durch das blinde Wiederholen vom dem, was er von anderen hörte, entdeckt. Denn der Einzige, dem bedingungslos gefolgt wird, ist derjenige, der uns das Heilige Gesetz brachte (Allāh schenke ihm Segen und Frieden), und zwar in dem, was er befahl und erklärte. Den Gefährten des Gesandten (Allāh schenke ihm Segen und Frieden) wird nur gefolgt, weil ihre Taten zeigen, was sie vom Gesandten (Allāh schenke ihm Segen und Frieden) hörten.

12. Er meidet zweifelhafte Themen in Glaubensangelegenheiten, die neu in Erscheinung treten (beispielsweise solche, wie die rein spekulative scholastische Theologie zu Ġazzālīs Zeiten), auch wenn die Mehrheit der Gelehrten diese annimmt. Er lässt sich niemals in die Irre führen weg von dem, was nach den Gefährten (möge Allāh mit ihnen zufrieden sein) eingeführt wurde. Er widmet sich stattdessen dem Studium ihres Lebens, wie sie waren und was sie in ihren Leben taten.

Iḥyāʾ ʿulūm ad-dīn   (dt.: Wiederbelebung der Religionswissenschaften)

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